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Tomáš Měšťánek – Magische Bilder der aktuellen Welt

Für das Menschenleben ist das Phänomen der Wiederholung typisch. Ähnlich ist es auch in der bildenden Kunst, wo man immer wieder zu bestimmten Themen und Erscheinungen zurückkehrt. Eine der ständigen Rückkehr-Situationen ist die Rückkehr zur Figur. Die Rückkehr zu Figurativität ist in der modernen Kunst durch Neoexpressionismus, existenziale Begriffe von Jean Paul Sartre, durch die Generation der Nachkriegskünstler mit den Persönlichkeiten wie Jean Dubuffet, Wilhelm de Kooning, Francis Bacon oder Georg Baselitz. Sie alle verbindet die Kontinuität der handwerklichen Schaffung der Abbildung als der primären Kunstdefinition, sowie auch das Interesse um die örtliche, regionale Grundlage des künstlerischen Schaffens. Es kommt zur Bekehrung vom abstrakten Expressionismus zur Figuration – der Abbildung des menschlichen Körpers in Teilen, oder zur grotesk wirkenden Entstellung. In der Schaffung zeichnet sich die Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg ab, wo als erster Jean Fautrier in seinem Zyklus „Rukojmí” / Die Geisel / das Problem der Körperlichkeit präsentiert – er verbindet zum ersten Mal in der Geschichte epistemologische und perzeptive Probleme der künstlerischen Figuration mit der anthropologischen oder ästhetischen Frage, ob ein menschliches Subjekt nach dem Krieg als eine Figur abgebildet werden, ob es auch weiterhin seinen Namen und seine Abbildung tragen kann.

Die Problematik der Beeinträchtigung, des Zusammenbruchs der Menschlichkeit und der „Normalität” wird so zu einer neuen Herausforderung für die bildende Expression. Der Aspekt der Menschlichkeit trägt auch noch eine andere Ebene mit sich, und zwar die soziale Ebene. Das soziale Thema nach dem Krieg, verbunden mit der Figuration, wird auch von Art Brut beeinflusst. Jean Dubuffet interessiert sich für die Schaffung von Geistesbehinderten, um die Werke der Eingeborenen, um die naive Kunst und die Volkskunst. Alles im rohen und groben Zustand, wo das Wort roh das Gegenteil zu den Wörtern kultiviert/kulturell bedeutet. Der Verfasser befreit sich von allen Konventionen, seine Schaffung ist roh, instinktiv. Es kommt zur Abschaffung der Opposition zwischen dem Normalen und dem Unnormalen. Die soziale Kunst wird so erneut zum Phänomen der Wiederholung, welches für uns wohl am meisten mit den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts verbunden ist, als sich eine ganze Reihe von Künstlern (Josef Čapek, Pravoslav Kotík, Antonín Procházka etc.) mit diesem Thema befasst hat. Gerade die tschechische soziale Schaffung in dieser Periode hat ihre Spezifika, schließt an Romantismus, Balladen und Krämerlieder an, sie beinhaltet die Inspirierung der primitiven Volkskunst, aber auch die Einsamkeit der Menschen, Häuser, Bäume, fehlende Verbindungen, emotionale Farbenstärke und den leeren Raum der Peripherie – die Öde der Existenz des Individuums.

Alle diese Aspekte finde ich in der Schaffung von Tomáš Měšťánek. Konsequente Figuration und soziale Materie. Seine Arbeit wirkt technisch als eine Verbindung mit Zeichnungen von Kindern. Hier absentiert die dritte Dimension – die Gestalten werden oft frontal oder im Vollprofil abgebildet. Es gibt hier jedoch keine Konnotation zu Kindernaivität, die Farbe ersetzt man mit der rohen Masse – schwindet hier die Lebensfreude? Es gibt hier zurückhaltende und stechende Linien, den Gestalten wird oft jede konkrete Form aberkannt, grotesk wirkende Trivialität, die Gestalten verschieben sich zum entheiligenden Graffiti. Sie führen so einen Angriff auf die Körperform als solche herbei, wenn sie den Körper nur auf ein bloßes Objekt reduzieren, einen Angriff, welcher gerade für Graffiti kennzeichnend ist.

Seine Werke können Entrüstung hervorrufen, nicht nur was die bildende Kunst betrifft, sondern auch was die Themen anbelangt – Obdachlose, Schläger und Betrunkene. Er berührt so einen empfindlichen Punkt der Gesellschaft, es geht ihm trotzdem nicht um deren pathetische und moralistische Beschreibung. Er bereitet sich auf kein „Ende der Zivilisation” vor, sondern er stellt Tatsachen fest und glaubt möglicherweise an die Notwendigkeit, erneut anzufangen. Es entsteht der Eindruck eines menschlichen Subjekts, welches nichts anderes ist als ein Farbenfleck oder Farbenklecks zerronnen der auf der welligen Oberfläche der Stadtruine. Den Eindruck vertieft die tiefe pastöse Masse, ein Quasirelief. Gestalten mit zerwaschenen anonymen Zügen und zerstörten Gesichtern, welche bis aufs Äußerste in Bewegung gebracht worden sind, evozieren das Gefühl der unüberwindbaren Entfernung und des Ertrinkens im Raum, in welchen sie geraten sind, In seinen Zyklen „Prázdnota” (Die Leere), „Supermarket” (Supermarkt) und „Ticho” (Die Stille) erscheint die Dialektik der Fixierung auf die Abbildung der menschlichen Gestalt, welche zugleich verzerrt und von sämtlichen mimetischen Konventionen befreit werden muss. Die Zeichner- und Malergeste wird durch die Einbringung kontraproduktiver Bilderscheinungen in den Gemäldeakt entwertet – durch infantile Gebärden, disproportionale Gestaltgrößen und innere Inkonsistenz der Gestalten – verkümmerte oder gigantische Glieder. Die Gestalt öffnet sich urplötzlich oder sie fusioniert mit der Umgebung. Es handelt sich um gespenstische und schreckenerregende Dämonen des tatsächlichen Bösen („Nebezpečná ulice“ /Gefährliche Straße/ – „Střetnutí“ /Konflikt/), aber auch um listige und getarnte Gespenster – „Poradce“ /Der Berater/, „Představenstvo“ /Der Vorstand/ – Hybridgestalten eines öffentlichen Dienstleisters und eines autoritären Herrschers mit weißem Kragen – das Opfer und der Sieger sind in einer Gestalt vereint ... Typisch ist die Zweideutigkeit der Figuren, die Dialektik des automatischen Ausdrucks und der primären Expressivität, welche durch außereuropäische primitive Kunst beeinflusst worden ist. Wichtig sind hier der Kolorismus, das Sinneskolorit und die vitalistische Geste, genauso wie die sensuelle, unmittelbare Beziehung zur aktuellen Welt, in welcher die Zeit zum Maßstab von Allem wird (vgl. beinahe verzweifelte Gestalten auf der Haltestelle im Zyklus „Čekání“ /Das Warten/). Für eine ganze Reihe von Gestalten sind deren Expressivität, Deformation, Fragmentierung und grotesk wirkende Verzerrung – als wenn ein Kind Butzemänner zeichnet – das Primäre, diese entstehen jedoch auf der Grundlage rationaler Denkprozesse („Rukojmí IV“ /Die Geisel IV/, „TV divák“ /TV-Zuschauer/). Die Öde der Existenz des Individuums („Cizinec“ /Der Fremde/, „Trosečník II“ /Der Gestrandete II/), welche durch den Raum der Peripherie und nächtliche Straßen gegeben ist, jedoch auch durch den Raum, welchen der Mensch verlassen hat – vgl. die rohe und balladenhafte Schönheit des Leeren im Zyklus „Garsony k pronájmu“ /Einzelzimmerwohnungen zum Mieten/. Nachdem ich am Anfang den besonderen, eigenartigen Anreiz der tschechischen sozialen Kunst im Aufgreifen der Stofflichkeit und des Ungewöhnlichen im Gewöhnlichen erwähnt habe, muss ich nun auch Měšťánek´s Werk „Samota“ /Die Einsamkeit/ erwähnen, wo wieder banale Sinnesmaterie zum lyrischen Werk emporgehoben worden ist. Der Künstler arbeitet mit einer absurden psychopathologischen Imagination von Schlägern und Betrunkenen, welche er in suggestiver Form an der Grenze der linearen Grafikdarstellung von Figuren bis zur Karikatur aufgreift. Wilder Farbenreichtum, markante expressive Geste, Symbiose der Rationalität und der Irrationalität, der Logik und Fantasie, kreieren magische analytische Abbildungen der aktuellen Welt.

Das Farbgebilde ist eine Chiffre und die Auswirkung der grauenhaften, manchmal auch sarkastisch grotesk wirkenden Realitätsverzerrung, es ist schockierend (vgl. „Konec dovolené” /Urlaubsende/). Für den Künstler sind unverformte Authentizität, Spontaneität, ironischer Unterton, aber auch die Poetisierung der verachteten Bedeutungslosigkeit des Alltagslebens, dessen Einfachheit und Banalität charakteristisch. Es handelt sich um die Rehabilitierung des Trivialen – er bespottet die Alltäglichkeit nicht, sondern er sucht nach deren verborgener Poesie („21. Století” /Das 21. Jahrhundert/). Er springt von einem Objekt zum anderen, zwischen Realität und Traum, man findet hier eine ironische Zweideutigkeit der Gestalten, sowie die Bedrohung des Menschen und dessen Beklommenheit („Oči“, /Die Augen/).

Die Schöpfung von Tomáš Měšťánek stellt ein zeitmäßiges Dokument dar, voll von der dringenden Botschaft über die Aussperrung des modernen Menschen aus seiner eigenen Welt. Es handelt sich um die Beobachtung des Lebens und dessen möglicherweise nicht ganz typischen Ausdruck, jedoch um einen Ausdruck, der zu ihm gehört. Unter dem ironischen und erleichterten Ton spürt man die Vergeblichkeit. Trotzdem oder gerade deshalb empfindet man hier auch Vitalität und unermessliche Sehnsucht, seine Welt unlustig, zerbrechlich und sehr menschlich zu kreieren.

Mag. Renata Skřebská, Kunsthistorikerin, 2009 – die Eröffnungsrede zur Ausstellung in Hranice /Mährisch Weißkirchen/

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