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Eröffnungsrede zur Ausstellung von Tomáš Měšťánek in der Galerie Nová síň Praha, am 2.4.2008

Über die Bilder von Tomáš Měšťánek aus der Sicht eines Laien – und was er darin sah.

Als ich in die Galerie kam, um mir die ausgestellten Bilder anzusehen, erzählte Tomáš Měšťánek gerade Herrn Hokynek und dann eigentlich auch mir, dass seine Frau immer unruhig wird, wenn sie mit seinen Bildern zu lange in einem Raum bleibt. Herr Hokynek meinte dann, als Tomáš Měšťánek vor der Galerie Nová síň aus dem Wagen stieg, um seine Bilder auszuladen, war er auch irgendwie nervös, weil er die Bilder die ganze Zeit im Rücken hatte. Sie haben dort, meiner Meinung nach, auf den richtigen Augenblick gewartet, um ihrem Autor in den Rücken zu springen, ihn ein wenig zu drücken, zu quetschen, zu würgen.

Die Bilder strahlen nämlich nicht besonders viel Ruhe aus. Man betrachtet sie – und was sieht man?

Menschen, die irgendwohin rennen, hetzen und außer Atem sind, vielleicht suchend oder nur so von Nirgendsher nach Nirgendshin sich plagend. Menschen, die kämpfen, um ihr Leben, um die Rettung, um zu gewinnen, Menschen, die schon aufgegeben oder verloren haben, nicht mehr können. Sie fallen im Ring, mit blutig aufgeschlagenem Kopf, ausgeschlagenen Zähnen und aufgerissenen Augen. Und mit den gleichen aufgerissenen Augen springen sie hoch und freuen sich über ihren Sieg, um gleich darauf bis auf den Grund zu fallen. Und dort sitzen sie, vielleicht in einer Kneipe, wohl in einer der letzten Kategorie, die letzte Kippe rauchend, den Kopf auf die Hände gestützt. Was passiert weiter? Das weiß niemand...

Wenn ich überlegen sollte, was es für Menschen sind, würde ich wahrscheinlich sagen, es sind die Verdammten, die Verlierer, gescheiterte Existenzen. Letztendlich weiß auch der Boxer, der heute jubelt nicht, was ihn morgen erwartet.

Aber manchmal erscheint etwas Undefinierbares, es kommt unerwartet und wirkt wie ein Wunder. Jakob steht auf einer Leiter, die zum Himmel führt. Die Leiter ist vielleicht wackelig und die Raben kommen schon angeflogen, aber er hält sich immer noch fest und steigt empor. Der Besuch ist gegangen, geblieben ist ein Zeichen, eine Zuckung, eine Flamme, ein merkwürdiges Licht scheint noch oder schon und blendet.

Zu jedem Bild von Měšťánek kann man sich eine Geschichte ausdenken, jedes kann eine Vorgeschichte und eine Fortsetzung haben, ein Ende ist nicht abzusehen. Die Kunst soll nicht nur Freude bringen, sie soll auch aufreißen und aufrütteln, fragen und keine Antworten geben. Die muss jeder für sich finden. Die Bilder von Měšťánek können einem missfallen, einen erzürnen, verärgern, einem zu nahe treten, wie jemand, der immer wieder etwas Unschmeichelhaftes, aber Wahres wiederholt. Und das ist vielleicht auch der Fall von Měšťánek´s Bildern, aber es kann wohl niemand bestreiten, dass sie Leidenschaft in sich tragen. Die Farben sind Schreie und das Licht darin ist erbarmungslos und keiner und nichts kann sich ihm entziehen. Es findet überall hin. Auf die Szene, in die Arena, in eine dunkle Kneipenecke. Es zeigt die Figuren, die Akteure wie sie sich ins Verderben stürzen, in einen Abgrund fallen, sich zerstören. Oder ihren Gott suchen, jemanden oder etwas, was ihr Leben auf wundersame Weise erleuchten und ihm einen Sinn geben würde, irgendeinen. Vielleicht suchen sie vergebens und sie finden nichts und niemanden. Aber sie suchen zumindest und hoffen, und haben deshalb – vielleicht – eine Chance. Wollen wir es ihnen und schließlich auch uns selbst wünschen.

Arnošt Goldflam, Schriftsteller und Regisseur

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